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Sperrfrist:
Beginn der Rede
Es gilt das gesprochene Wort!
Rede
der
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr.
Christine Bergmann,
anlässlich der Auftaktveranstaltung zum Internationalen Jahr der
Freiwilligen am
5.Dezember 2000 in Bonn
Anrede,
ich freue mich,
Sie heute, am Tag des Ehrenamtes, zur Eröffnung des Internationalen
Jahres der Freiwilligen hier in Bonn begrüßen zu können.
Unsere zivile Gesellschaft
lebt von dem freiwilligen Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger.
Gemeinsinn, Solidarität und Zivilcourage sind der Kitt unserer
Demokratie. So werden jeden Tag aufs Neue die Grundlagen und Bindekräfte
unserer auf Teilhabe und Anteilnahme gegründeten Demokratie erzeugt.
Gerade in einer Zeit des rasanten Wandels und Übergangs von der
alten Industrie- zur modernen Wissensgesellschaft wächst die Bedeutung
des bürgerschaftlichen Engagements. Aus freiwilliger Arbeit und
Ehrenämtern erwächst eine Kultur der wechselseitigen Achtung,
der Zugehörigkeit und des Gemeinsinns. Diese Werte, Soziologen
nennen es auch das soziale Kapital, haben keinen Preis. Sie werden nicht
an der Börse gehandelt und sind dennoch das, was moderne Zivilgesellschaften
im Innersten zusammenhält.
Wichtig dabei ist,
dass wirksames Handeln für das Gemeinwohl sich nicht mit Geldspenden
erledigen lässt. Es geht vielmehr um den Einsatz von persönlicher
Zeit für gemeinwohlbezogene Aktivitäten. Dabei denke ich an
den PR-Berater, der in seiner Freizeit für den Deutschen Kinderschutzbund
Spenden wirbt. Ich denke an die junge Frau, die nach der Arbeit Jugendliche
einer Streetballgruppe betreut. Ich denke an den pensionierten Manager,
der jungen Existenzgründern beratend unter die Arme greift. Ich
denke an die vielen UNICEF-Helferinnen und Helfer. Ich denke an all
die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Wohlfahrtsverbänden und
Vereinen, und ich denke auch an Unternehmen, die ihren Beschäftigten
soziales Engagement ermöglichen und dies mit eigenen Projekten
vorantreiben.
Bisher war diese
Tradition vor allem in den angelsächsischen Ländern beheimatet,
inzwischen ist aber auch bei uns das Bewusstsein der Unternehmen gewachsen,
die soziale Infrastruktur der Gesellschaft zu erhalten und zu fördern.
Es wird oftmals so getan, als ob der Markt unabhängig von der ihn
tragenden Gesellschaft funktionieren würde. In Wirklichkeit kann
keine Wirtschaft ohne sozialen Zusammenhalt funktionieren. Immer mehr
Unternehmen erkennen dies.
So gewährt
etwa die Berliner Niederlassung eines Sportartikelherstellers einigen
ihrer Mitarbeiter einmal die Woche bei gleichbleibendem Gehalt 2,5 Stunden
frei, damit sie in der Sporthalle russischen Aussiedlern Volleyballtraining
geben. Neben dem Image-Gewinn für das Unternehmen lernen die Beschäftigten
etwas über das Leben der Aussiedler und sie berichten, dass ihnen
der freiwillige Einsatz Selbstbewusstsein und einen großen Motivationsschub
gegeben habe.
Aus der Schweiz
kommt das Programm "SeitenWechsel", das z. Zt. auch bei uns
aufgebaut wird. Verschiedene Unternehmen ermöglichen ihren Führungskräften,
für eine Woche z.B. in einem AIDS-Hospiz oder einem Heim für
geistig behinderte Menschen mitzuarbeiten. Viele Manager - das zeigen
die Erfahrungen - bleiben den Organisationen auch danach unterstützend
treu.
All diese Beispiele,
meine Damen und Herren, zeigen eines: die alte Zweiteilung - der Staat
ist zuständig für das Soziale und die Unternehmen für
das Ökonomische - bricht langsam auf. Es muss wieder zum guten
Ton gehören, sich sozial zu engagieren.
Diese Einsicht steckt hinter vielen Initiativen engagierter Menschen
und Unternehmen.
In der alten Industriegesellschaft hatte der Gemeinsinn seine fertigen
Formen
- Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände, Vereine.
Sie sind nach wie vor unersetzlich als Träger bürgerschaftlichen
Engagements. Und doch wachsen verstärkt neue Formen bürgerlichen
und unternehmerischen Engagements nach.
Sie sind Ausdruck einer selbstbewussten Zivilgesellschaft, in der soziale
Teilhabe neu gestaltet wird.
Es ist daher erfreulich,
dass in den vergangenen Jahren die Zahl bürgerschaftlich engagierter
Menschen in Deutschland zugenommen hat. Mehr als ein Drittel der Bürgerinnen
und Bürger sind derzeit regelmäßig in klassischen Ehrenämtern,
anderen sozialen Initiativen und Selbsthilfegruppen aktiv. Untersuchungen
belegen, dass noch einmal soviele zu einem Engagement bereit wären,
wenn sie die Möglichkeit dazu hätten oder besser über
existierende Angebote informiert wären und angesprochen würden.
Darin, meine Damen
und Herren, liegt ein erhebliches Potenzial und wir wollen das kommende,
von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Jahr der Freiwilligen
dazu nutzen, um auch diesen Menschen Chancen zur Entfaltung ihres Engagement
zu geben.
Wir haben von Seiten
meines Ministeriums im Vorfeld einen Nationalen Beirat zur Vorbereitung
und Begleitung des Internationalen Jahrs der Freiwilligen einberufen.
In ihm sind die großen Verbände - wie z. B. der Deutsche
Sportbund, die Arbeiterwohlfahrt, die CARITAS, der Paritätische
Wohlfahrtsverband, das Deutsche Rote Kreuz - vertreten. Aber ebenso
die Vertreter und Vertreterinnen der Arbeitsgemeinschaft der Freiwilligenbüros
sowie eine Anzahl von Einzelinitiativen. Wir wollen einen Dialog in
der Gesellschaft initiieren, der über dieses Jahr 2001 hinausreicht.
Dazu gehören beispielsweise Veranstaltungen zur Zivilgesellschaft,
zur Zukunft der Freiwilligendienste, zum Beitrag der Wirtschaft zur
Freiwilligenarbeit.
Unter dem Titel
"Was ich kann, ist unbezahlbar" werden wir eine Kampagne zum
bürgerschaftlichen Engagement starten. Auch der Deutsche Bundestag
hat sich verstärkt diesem Thema angenommen, indem er eine Enquete-Kommission
zur Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements eingesetzt hat.
Die Bundesregierung hat außerdem bereits im vergangenen Jahr die
Bedingungen für Stiftungen und die Anerkennung von Spenden wesentlich
verbessert. Wir wollen damit vor allem die Gründung von Bürgerstiftungen
voranbringen.
Ziel unserer Politik
ist es, nach Wegen zu suchen, wie die Rahmenbedingungen für ehrenamtliches
Engagement verbessert werden können. Dabei darf es nicht darum
gehen, dass der Staat Kosten spart oder sich aus sozialen Aufgaben zurückzieht.
Der aktivierende Staat, der auf das Engagement seiner Bürgerinnen
und Bürger setzt, ist kein schwindsüchtiges Gerippe. Es ist
ganz klar, dass bürgerschaftliches Engagement freiwillig und ergänzend
bleiben muss und reguläre Arbeitsplätze nicht ersetzen darf.
Aktivierung heißt
Ermutigung, Befähigung, Anregung, Mobilisierung!
Damit sich die Talente
und die gesamte Vielfalt der Fähigkeiten unserer Bürgerinnen
und Bürger entfalten können, braucht es beides: den aktivierenden
Staat und die für das Gemeinwohl aktiven Bürger.
Derzeit gibt es
in Deutschland fast 50.000 Gruppen, in denen Bürgerinnen und Bürger
sich für andere oder zur Selbsthilfe engagieren. Von der freiwilligen
Feuerwehr und dem Sportverein bis zu Musik- und Theatergruppen. Von
ehrenamtlichen Schiedsleuten und Richtern bis zu Selbsthilfegruppen
wie etwa für Krebs- oder AIDS-Kranke. Viele dieser gesellschaftlichen
Aktivitäten sind ohne den Einsatz von Freiwilligen gar nicht denkbar.
Neben den traditionellen ehrenamtlichen Tätigkeiten in Wohlfahrtsverbänden
und Vereinen sind in den vergangenen Jahren auch zahlreiche kleine Initiativen
mit einer Vielzahl neuer Betätigungen entstanden.
Eine zunehmende
Zahl vor allem junger Menschen will eine Mitarbeit in Projekten und
Initiativen, die eher punktuell und zeitlich befristet sind. Sie wollen
ihre eigenen Erfahrungen und Kenntnisse einbringen und sind mehr am
Bedürfnis nach sinnvoller Selbstverwirklichung orientiert. Und
sie wollen Spaß haben an ihrer freiwilligen Arbeit. Das ist keineswegs
egoistisch, sondern ein klares Angebot an unsere Gesellschaft.
Besonders erfreulich
finde ich, dass die 14- bis 24-Jährigen beim bürgerschaftlichen
Engagement mit 37 Prozent über dem Durchschnitt anderer Altersgruppen
liegen. Untersuchungen nach den Motiven für das soziale Engagement
junger Menschen haben ergeben: Die Freude an der Selbstverwirklichung
ist gekoppelt mit dem Wunsch, anderen Menschen zu helfen. Die jungen
Menschen wollen ihre eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse erweitern
und dabei zugleich gesellschaftliche Probleme in die eigene Hand nehmen
und lösen helfen. Das sind die am häufigsten genannten Motive.
Daran lässt sich ablesen, wie eng Selbstverwirklichung und Solidarität
zusammenhängen. So entsteht aus Gegenseitigkeit ein Für- und
Miteinander, ein Gewinn für uns alle.
Ich freue mich sehr,
dass viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Bundestag und den Landtagen,
die Mitglieder der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages und
viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Freiwilligenorganizationen
und großen Stiftungen heute bei dieser Veranstaltung dabei sind.
Sie sind die eigentlichen Teilnehmenden und Handelnden des Zukunftsprojektes
Zivilgesellschaft.
Ganz besonders bedanken
möchte ich mich auch bei den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern
der Wohlfahrtsverbände. Sie spielen in unserer Gesellschaft eine
herausragende Rolle, wenn es darum geht, freiwilliges Engagement zu
aktivieren. In den sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfartspflege
sind in Deutschland 2,5 Mio. Menschen ehrenamtlich engagiert. Vielen
Dank für Ihren täglichen Einsatz für die Menschen in
unserem Land!
Ich möchte
jetzt den Schirmherrn des Internationalen Jahres der Freiwilligen, Herrn
Bundespräsident Johannes Rau, bitten, die Festansprache zu halten.