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Rede von Bundespräsident
Johannes Rau bei der Auftaktveranstaltung des Internationalen Jahres
der Freiwilligen
am 5. Dezember 2000 in Bonn
I.
Von Gottfried Leibniz
stammt der Satz: "Patrioten sind amtlich Unzuständige, die
sich um das Gemeinwohl kümmern."
Amtlich Unzuständige,
die sich um das Gemeinwohl kümmern - eine, wie ich meine, schöne
und zutreffende Definition, zumal in einer Zeit, in der wir uns manchmal
schwer damit tun, Dinge auf den Punkt zu bringen und Begriffe mit Inhalten
zu füllen.
Auch für jenes
Engagement, auf das im "Jahr der Freiwilligen" mehr Licht
fallen soll, gibt es viel Bezeichnungen: "Bürgerarbeit",
"Selbsthilfe", "bürgerschaftliches Engagement",
"Freiwilligenarbeit", "Ehrenamt" - das sind einige
Beispiele.
Ich möchte
mich an keinem Auslegungsstreit beteiligen und ich weiß, dass
diese Begriffe durchaus nicht völlig deckungsgleich sind.
Viele Menschen können
aber gewiss mit den Begriffen "Ehrenamt" und "ehrenamtlich"
am meisten anfangen. "Ehrenamt" - das ist eben mehr als eine
nüchterne Zustandsbe-schreibung.
- Da klingt an,
dass es demjenigen, der sich einsetzt, nicht um materielle Vorteile
geht.
- Da wird deutlich, dass hier jemand eine Aufgabe übernimmt, obwohl
sie von ihm nicht verlangt wird oder erwartet werden kann.
Darum freue ich
mich sehr darüber, dass der "Tag des Ehrenamtes" ausgewählt
wurde, um das "Internationale Jahr der Freiwilligen" zu eröffnen,
zu dem die Vereinten Nationen das kommende Jahr weltweit erklärt
haben.
Es ist gute Tradition,
jedes Jahr am 5. Dezember den vorbildlichen Einsatz von Bürgerin-nen
und Bürgern zu würdigen, die sich freiwillig und ehrenamtlich
engagieren. Das ge-schieht weltweit. Die Bedeutung solcher Leistungen
wird aber noch immer nicht genug gesehen. Mit einem Tag im Jahr ist
es da nicht getan. Die ehrenamtliche Arbeit braucht Unterstützung
jeden Tag und sie braucht Austausch, Anregungen und Anstöße.
II.
Damit das stärker
den Alltag bestimmt, haben die Vereinten Nationen das Jahr 2001 zum
Internationalen Jahr der Freiwilligen" ausgerufen. 123 Länder
werden sich daran beteili-gen.
Sie, Frau Ministerin
Bergmann, haben darauf hingewiesen, wie viele Aktivitäten in Deutschland
auf Bundes- und auf Landesebene, in den Gemeinden und in vielen Organi-sation
und Vereinen geplant sind, um diese Idee mit Leben zu erfüllen.
Alle diese Aktivi-täten haben drei wesentliche Ziele:
- mehr Anerkennung
für die Arbeit Freiwilliger,
- stärkere Unterstützung durch Staat und Gesellschaft und
- bessere Vernetzung und besseren Wissensaustausch, damit die freiwillige
Arbeit neue Impulse bekommt und noch effektiver wird.
Gerade der Austausch
scheint mir ganz wichtig. Natürlich erhält man auch jetzt
schon auf der Feuerwehrschule Anregungen dafür, was man in der
eigenen Arbeit vor Ort verbes-sern kann. Ehrenamtliche Bewährungshelfer
tauschen sich über ihre Erfahrungen genauso aus wie Jugendtrainer
im Sport.
Aber wissen wir,
welche Erfahrungen und Erfolge es in anderen Ländern gibt? Dabei
können wir - bei allen grundlegenden Unterschieden - gewiss gerade
von jenen Ländern lernen, in denen die Gesellschaft viel stärker
auf freiwilligen Einsatz und auf Selbsthilfe angewiesen ist, weil der
Staat nicht so leistungsfähig ist wie bei uns.
In vielen Entwicklungsländern
gibt es eindrucksvolle Beispiele für erfolgreiches bürger-schaftliches
Engagement, so die Harambee- [Harrambé]-Bewegung in Kenia oder
Minga in den Ländern Lateinamerikas. Sie sind Ausdruck konkreten
Handelns wie einer grund-sätzlichen Einstellung: Alle müssen
zusammenwirken, wenn gemeinschaftliche Aufgaben ohne staatliche Vorgaben
oder Strukturen gelöst werden sollen.
III.
Freiwillige Arbeit
baut Brücken innerhalb einer Gesellschaft und zwischen Gesellschaf-ten,
zwischen reicheren und ärmeren Menschen, zwischen Älteren
und Jüngeren. Und die Bereitschaft, anderen zu helfen, macht auch
an Grenzen nicht Halt.
Es gibt inzwischen
eine ganze Reihe nationaler und internationaler Organisationen, die
solchen Austausch vermitteln und ermöglichen. "Ärzte
ohne Grenzen" führt diese Idee sogar im Namen; für ihr
vorbildliches Engagement sind sie im vergangenen Jahr mit dem Friedensnobelpreis
ausgezeichnet worden.
Im Rahmen der Vereinten
Nationen vermittelt das Freiwilligenprogramm, das als erste VN-Organisation
seinen Sitz 1996 hier in Bonn genommen hat, jährlich 4000 Frauen
und Männer aus 140 Ländern und mehr als 100 Berufen Einsätze
in den Entwicklungsländern. Die meisten dieser Freiwilligen kommen
selber aus einem Entwicklungsland.
4000 Frauen und
Männer unterbrechen Jahr für Jahr ihre Karrieren, steigen
auf Zeit aus ihrem beruflichen Alltag aus, um Menschen in anderen Ländern
mit ihren Kenntnissen, mit ihren Erfahrungen und ihrem Fachwissen zu
unterstützen. In mehr als 130 Entwick-lungsländern sind sie
als Lehrerin oder Landwirt, als Kommunikationsexpertin oder als Bilanzbuchhalter
tätig.
Sie fördern
Basisprojekte und leisten Nothilfe, sie helfen beim Aufbau von Frieden
und Demokratie. Sie engagieren sich als Beobachter bei Wahlen oder wo
es um die Einhaltung von Menschenrechten geht.
Hochmotiviert und
mit großem Engagement arbeiten sie in lokalen Gemeinschaften und
Gruppen, sie unterstützen Frauen, die in vielen Ländern eine
entscheidende Rolle für eine gute gesellschaftliche Entwicklung
spielen. Sie tun etwas gegen globale Probleme wie Armut, Drogenhandel
und Aids und für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen.
IV.
Gelegentlich ist
die Auffassung zu hören, die ehrenamtlich und freiwillig Engagierten
seien die Lückenbüßer eines sich zurückziehenden
Sozialstaates.
Gleichermaßen
gibt es die Sorge, Bürgerarbeit könnte oder sollte Erwerbsarbeit
ersetzen, ja, dazu führen, dass bezahlte Arbeitplätze verschwinden.
Beides hielte ich
für falsch. Der Staat kann und soll doch gar nicht alle Aufgaben
selbst übernehmen und zu seinen eigenen machen.
Der Staat soll sich
aus seiner Verantwortung für gleiche Lebenschancen und soziale
Ge-rechtigkeit nicht zurückziehen. Aber es gibt Dienste, die die
Dienstleistungsgesellschaft weder kaufen noch bezahlen kann, die aber
geleistet werden müssen, wenn unsere Gesell-schaft nicht erfrieren
soll.
- Niemand ist überzeugender
und in seiner Hilfe wohl auch effektiver als die Hausfrau, die Besuche
im Krankhaus oder im Altersheim macht, und die das tut, weil sie Freude
daran hat zu helfen, und das als selbstverständlich ansieht.
- Wir brauchen sie, wie wir den Schöffen brauchen, der mit gesundem
Menschenver-stand und der Erfahrung eines Handwerkerlebens dafür
sorgt, dass Recht und Gerech-tigkeit bei Gericht mit Leben erfüllt
werden.
- Kein Vorortverein kann einen Zeugwart bezahlen, aber ohne ihn wüchsen
auch keine Bundesligaprofis heran.
- Wir brauchen sie, wie wir die Bewährungshelfer und die Schülerlotsen
brauchen, die Wahlhelfer und die Gemeinderätinnen, die Aktiven
in den Eine-Welt-Gruppen, in den Rettungsdiensten und bei der Suchtbekämpfung.
Die Arbeit der Ehrenamtlichen
ist oft ähnlich wie und doch so anders als die der Haupt-amtlichen;
in ihren Erfolgen und in ihren Stärken ergänzen sie sich.
Die Idee einer ge-rechten Gesellschaft können wir erst dann ganz
verwirklichen, wenn wir die freiwillige und spontane Solidarität
der Bürgerinnen und Bürger fördern und herausfordern.
Mitmenschlichkeit,
Nächstenliebe und Solidarität sind unbezahlbare Werte. Sie
können weder durch Gesetz noch durch Verordnungen erzwungen werden.
Sie müssen praktisch gelebt werden. Sie werden von den vielen gelebt,
die anderen das Wertvollste schenken, über das sie verfügen:
ihre Zeit.
Bürgerschaftliches
Engagement kann auf Ressourcen zurückgreifen, die weder dem Staat
noch dem Markt zur Verfügung stehen: flexible Zeiteinteilung, lokale
Netzwerke, ver-trauensvolle Beziehungen und nicht zuletzt der Idealismus
der Engagierten.
Es gibt viele gute
Beispiele, wie staatliches und bürgerschaftliches Engagement sich
er-gänzen:
- Ich denke an die vielen Beschäftigungsinitiativen in Ostdeutschland,
die staatlich an-geschoben und mitfinanziert werden und die von freien
und gemeinnützigen Trägern mit hoher Eigenverantwortung umgesetzt
werden.
- Ich denke an die Selbsthilfegruppen, die mittlerweile ein wichtiger
Bestandteil des kommunalen Gesundheitswesens sind. Sie vermitteln Wissen
und Kompetenz, aber auch Mitgefühl und das Gefühl, verstanden
zu werden. Sie schaffen Kontakte zwi-schen Betroffenen und vertreten
deren Interessen.
- Wir denken an die großartigen Hilfsaktionen, die Bürgerinnen
und Bürger in den achtziger und neunziger Jahren unternommen haben,
um Menschen in Südost- und Osteuropa zu helfen, die in Not geraten
waren, weil in ihren Ländern die Versorgung nicht mehr funktionierte.
Der Staat finanzierte die Transportkosten. Alles andere lag in den Händen
freiwilliger Helferinnen und Helfer - vom Sammeln der Sachspenden und
der Geldspenden über die Kontaktaufnahme mit Partnerinitiativen
vor Ort bis hin zum Transport und der Verteilung der Hilfsgüter
vor Ort.
Diese vielen, oft kleinen Aktionen haben für das Verständnis
zwischen den Völkern oft mehr bewirkt, als manche Konferenz und
manches Abkommen.
V.
Wir alle wissen,
dass das Ehrenamt sich wandelt. Oder besser gesagt: Die Bedingungen
ändern sich, unter denen freiwillige Arbeit stattfindet und die
Strukturen des Ehrenamts ändern sich. Es sind nicht die Ehrenamtlichen
selbst, die sich verändern oder die Bereit-schaft, etwas für
das Gemeinwesen zu tun. Die Zahlen sind eindrucksvoll und widerspre-chen
der gelegentlich zu hörenden Behauptung, unsere Gesellschaft werde
insgesamt kälter, egoistischer und rücksichtsloser.
Rund 22 Millionen
Menschen sind in Deutschland ehrenamtlich tätig - rund jeder dritte
erwachsene Bundesbürger. Und es sind überwiegend Frauen, die
sich in Bereichen mit relativ hohen Anforderungen und Belastungen engagieren:
67 % im sozialen Bereich, 66 % im Gesundheitsbereich.
An der hohen Bereitschaft
der Menschen sich ehrenamtlich zu engagieren, hat sich also nichts geändert.
Gestern wie heute stehen altruistische Motive zweifellos im Vordergrund
sozialen Engagements. Dass der Wunsch hinzukommt, Freude und Spaß
am eigenen En-gagement zu haben und sympathischen Menschen zu begegnen,
ist nur zu verständlich. Auch das war früher gewiss nicht
anders als heute.
Was sich aber geändert
hat, das sind die Bedingungen, unter denen soziales Engagement stattfindet.
Damit müssen wir uns stärker auseinandersetzen und ich hoffe,
dass das "In-ternationale Jahr der Freiwilligen" das Bewusstsein
dafür schärft und dass sich aus dem Austausch von Erfahrungen
aus aller Welt neue Impulse und Anregungen ergeben.
Lassen Sie mich
einige Herausforderungen, vor die uns dieser Wandel stellt, kurz benen-nen:
1. Ehrenamtliches
Engagement braucht eine zeitgemäße Infrastruktur.
Wer seine Zeit und oft auch Geld einsetzt, um sich für andere zu
engagieren, darf er-warten, dass ihm zumindest seine Aufwendungen erstattet
werden und dass er hin-länglich versichert ist.
Die Effizienz freiwilliger Arbeit lässt sich sicher verbessern,
wenn ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger für
die Aufgabe, die sie sich selber gestellt haben, qualifiziert und im
Laufe ihres Engagements weitergebildet werden.
Möglicherweise ließe sich freiwilliges Engagement auf eine
Rentenanwartschaft an-rechnen. Das sollte zumindest geprüft werden.
2. Es sollte daran
gedacht werden, die bestehenden Freiwilligengesetze weiterzuentwik-keln.
Manche Felder freiwilliger Arbeit sind gesetzlich geregelt - so das
"Freiwillige soziale Jahr" und das "Freiwillige ökologische
Jahr" - andere gar nicht.
Die Rahmenbedingungen
der Dienste ließen sich attraktiver gestalten: Die Dienstzeit
sollte soweit wie möglich auch für Ausbildungszwecke genutzt
werden können und sie müsste angemessen honoriert werden.
Das freiwillige soziale Jahr sollte auch bei der beruflichen Orientierung
helfen. Gutschriften bei der Bewerbung für Ausbil-dungsplätze
oder Studienplätze oder die Vorbereitung von qualifizierenden Abschlüs-sen
könnten zusätzliche Anreize sein.
3. Die meisten jungen
Menschen sind voller Schwung und Idealismus. Ihre Bereitschaft, Verantwortung
für andere zu übernehmen und sich für ihre Mitmenschen
einzusetzen, muss stärker honoriert und genutzt werden. Es ist
kaum nachzuvollziehen, dass junge Menschen einerseits bereit sind, sich
bis zu zwölf Monaten zu engagieren, es anderer-seits aber in den
genannten Freiwilligendiensten wegen zu knapper öffentlicher Mittel
nicht genug Plätze gibt, in denen sie einen sozialen oder ökologischen
Dienst leisten können.
4. Der ganz überwiegende
Teil ehrenamtlicher Tätigkeit findet nach wie vor in und über
bewährten Strukturen und Organisationen statt: über die Wohlfahrtsverbände
und die Sportvereine, über die Parteien, die Kirchen und die vielen
anderen Einrichtungen, die das Netz bilden, das unsere Gesellschaft
zusammenhält. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Strukturen
stark und lebendig bleiben und sich immer wieder erneuern. Partnerschaft
zwischen Schulen und Wohlfahrtverbänden oder Sozialeinrichtungen
beispielsweise können jungen Menschen die wichtige Arbeit dieser
Institutionen nahe bringen und vertraut machen.
Viele, vor allem
junge Menschen bevorzugen heutzutage ein stärker punktuelles, auf
einzelne Projekte gerichtetes Engagement. Hier kommt den "Freiwilligenagenturen"
wachsende Bedeutung zu. Mit großem Einsatz und Ideenreichtum stellen
sie Verbin-dungen her und bahnen Projekte an. Sie schaffen einen Marktplatz
bürgerschaftlichen Engagements, auf dem Angebot und Nachfrage zueinander
finden.
Mit Hilfe von Freiwilligenagenturen
lassen sich vielleicht auch viele jener Bürgerin-nen und Bürger
mobilisieren, die grundsätzlich bereit wären, ehrenamtlich
etwas zu tun, aber nicht so recht wissen, wie und wo sie das am besten
tun können.
5. In einer Zeit,
in der pure Selbstverwirklichung als besonders erstrebenswert gilt -
oder zumindest als erstrebenswert dargestellt wird -, möchte der
Einzelne auch mehr Ein-fluss auf die Art und Weise nehmen, in der er
freiwillig tätig ist. Das ist nichts Ver-werfliches; es ist völlig
legitim, Ehrenamt und Selbstverwirklichung miteinander zu verbinden.
Das Ehrenamt ist ein Dienst - aber es ist auch die Chance, seine Umge-bung,
unser Miteinander, unsere Gesellschaft mitzugestalten.
VI.
Alle Programme und
Vorhaben, alle Projekte und Pläne wären vergeblich, ließen
sich nicht Menschen finden, die bereit wären mitzuhelfen, eine
humane, solidarische und le-benswerte Gesellschaft zu bauen:
v Menschen, die
ein großes Projekt verwirklichen - oder die ganz einfach dort
anpacken, wo sie gerade stehen, mit den Mitteln, über die sie verfügen
und die denjenigen hel-fen, denen sie begegnen.
v Menschen, die nicht sagen: Man kann doch nicht allen helfen'
- und deshalb keinem helfen.
v Menschen, die spüren, dass wir nicht nur für das verantwortlich
sind, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.
All diese Menschen
sind Vorbilder. Ihnen schulden wir Dank und Anerkennung.
Vom Internationalen
Jahr der Freiwilligen" erhoffe ich mir mehr Aufmerksamkeit für
die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit, Anerkennung für alle, die
ganz praktisch etwas tun.
Ich wünsche mir, dass das 'Internationale Jahr der Freiwilligen'
Neugier und Interesse bei vielen Menschen auch bei uns in Deutschland
weckt, ehrenamtliche Arbeit zu unterstüt-zen und selber etwas zu
tun.
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